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06.10.2011

Gerold Tagwerker

Standpunkt und Bewegung


Sepp Auers Prototyp für die Stühle und die extra für die Ausstellung demontierte Stehlampe seines eigenen Hauses sind mit der Datierung von 1985 die ältesten Exponate. Christoph Weber hat einen seiner 10 Sekretäre aus gegossenem Beton an eine Tagwerker-Wand geschraubt. Umgedrehte Kartonschachteln sind eigentlich sehr stabile Sitzgelegenheiten aus lackiertem Aluminium, Einzelstücke von Sébastien de Ganay. Wie man die seltsame Ecke von Werner Feiersingers Bank nutzt, bleibt der Phantasie des jeweiligen Be-sitzers überlassen. Nur der Fauteuil untitled (B4 after M.Breuer) von Michael Gumhold ist pures Schaustück. Seine Funktion ist nicht die eines Möbels, sondern als Konzentration oder Filtration der skulpturalen Qualität reines Zitat von Marcel Breuers berühmtem Entwurf.

Prinzipiell sind die von Tagwerker ausgewählten Schaustücke formal reduziert, kantig und ihre Farbigkeit vom verwendeten Material selbst bestimmt. Einzige farbige Pointe ist Stephan Eberstadts knallroter Bamberger Hocker, aus Blech geschnitten, gebogen und verschraubt, der in unlimitierter Auflage produziert wird.

Es ist ein hierarchieloses Nebeneinander charakteristischer und eigengesetzlicher Exponate, die in und mit Tagwerkers Display ein reziprokes Bezugsnetz eingehen.
Tagwerkers Konstrukt aus Spanplatten mit weißem Holzimitat- und Aluminium-Laminat liefert dafür die ideale Basis, die als einfaches Stecksystem ausgebildet an altvertrautes Spielzeug aus Kindheitstagen erinnert. Gleich diesem, ließe sich das Display variabel ausbauen und beliebig fortsetzen. Der spielerische Charakter ist durch die unterschiedlich definierten Oberflächen der Spanplatten bewusst intensiviert und mit großzügiger Geste in Szene gesetzt. Wie bei einem Kartenhaus werden Durchsichten, Auf- und Untersichten geboten, die durch die Spiegelungen ins Unübersichtliche gesteigert werden. Der Raum und die darin befindlichen Objekte werden multipliziert und zugleich fragmentiert. Die Dimensionen greifen ineinander, wie das Stecksystem ineinander greift. Raum und Fläche werden miteinander verzahnt, ihre Verortung ist nicht mehr klar differenzier- und einordenbar. Es geschieht eine Aufsplitterung des optisch Wahrnehmbaren, der betrachtende Blick wird zerstreut. Die Verhältnisse von Davor, Dahinter, Daneben, Darunter, sogar Innen und Außen gehen einen verwirrenden Diskurs ein und die BesucherInnen werden durch die Spiegelungen selbst in das Theater hineingezogen. Die entscheidende Bewegtheit führt das involvierte Publikum selbst aus, fordert doch das Gebilde zum aktiven Navigieren und ständig neuem Fokussieren heraus.

Es geht nicht um die Frage isolierter Betrachtung - des einzelnen Objekts wie dessen längst überholter Kategorisierung als Kunstwerk, Original, Design oder Multiple, denn auch diese greifen ineinander wie die räumlichen Kompartimente von Tagwerkers construct_unfinished_XL, das in erster Linie Bühne oder Schauplatz ist (und letztendlich entscheidet dann doch der Markt über den „Wert“, dem man sich anschließen kann oder auch nicht). Es geht um die Methode und die Situation. Es ist ein Spiel, das so viel impliziert wie der Begriff Display. Tagwerkers Display stellt das Szenario für den kollektiven Auftritt verschiedener Objekte, eine Performance, in der dem Publikum sein fundamentaler Part zugewiesen wird: Ablauf, Perspektive und Schnitt erfolgt durch seine Aktion. Es ist nur eine Frage des Standpunktes.
Margareta Sandhofer (www.artmagazine.cc)